Übergänge verstehen und begleiten.

Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern.

Cover _ Bergaenge VerstehenVon Wilfried Griebel und Renate Niesel

Das Buch ist das Nachfolgewerk zu „Transitionen“ aus dem Jahre 2004. Es ist ein völlig neu erarbeitetes Buch, das die vielfältigen Erkenntnisse der stark gewachsenen nationalen und internationalen Forschung sowie die Erfahrungen aus vielfältigen Modellprojekte zum Übergang aufbereitet und für eine Anwendung in der Praxis nutzbar macht. Ein neues Gewicht wird auf die Perspektive und Position von Eltern im Übergang gelegt.

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel gibt einen Überblick über die theoretischen Wurzeln der Transitionsforschung. Im zweiten Kapitel wird das im Staatsinstitut für Frühpädagogik in München (IFP) entwickelte Transitionsmodell vorgestellt. Dieses wurde in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen und im Austausch mit der Praxis überprüft und weiterentwickelt. Das dritte Kapitel hat – vielleicht überraschend – die Geburt des ersten Kindes als Markierungspunkt der Transition von der Partnerschaft zur Elternschaft in der Familienentwicklung zum Thema. Das Gelingen dieses Übergangs ist jedoch maßgeblich für das Familienklima und für die Interaktionsqualität und die Stabilität in der Familie und damit auch für die Bildungslaufbahn eines Kindes von Bedeutung.

Das vierte Kapitel bildet einen der Schwerpunkte dieses Buches. Es beschäftigt sich mit den frühen Transitionen in eine Bildungseinrichtung, wenn das Kind das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Erläutert wird, welche theoretischen Grundlagen für das fachlich fundierte Handeln für diese junge Altersgruppe und ihre Eltern relevant sind und wie das IFP-Transitionsmodell als Arbeitshilfe für die Strukturierung und Begleitung der „Eingewöhnung“ bzw. der Übergangsbewältigung von Kindern und Eltern genutzt werden kann. Das fünfte Kapitel zum Übergang von der Familie in eine Kindertageseinrichtung mit dem „normalen“ Kindergartenalter, also nach dem dritten Geburtstag, ist daneben in der öffentlichen Diskussion wie in der empirischen Forschung zur Zeit in den Hintergrund geraten. Aber auch die schon etwas älteren Kinder und ihre Eltern profitieren von einer sorgsamen Übergangsgestaltung, die sich an den mit dieser Entwicklungsaufgabe verbundenen Anforderungen auf der Ebene des Einzelnen, der Beziehungen und der Lebensumwelten orientiert.

Das sechste Kapitel „Transition zum Schulkind und zu Eltern eines Schulkindes“ stellt diesen Übergang als ko-konstruktiven Prozess aller Beteiligten dar. Herausgearbeitet wird, dass die Betrachtung der Schulfähigkeit als Eigenschaft des Kindes zu kurz greift und vielmehr das Zusammenwirken aller Beteiligten aus Familie, Kindertageseinrichtung und Schule für das Gelingen des Übergangs verantwortlich ist, was sich als „Kompetenz des sozialen Systems“ zusammenfassen lässt. Herausgearbeitet wird, dass die Berücksichtigung der Heterogenität der Schulanfänger durch ihren Entwicklungsstand, ihr Geschlecht, den sozio-ökonomischen Status, ihre Sprachkompetenz sowie die unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen nötig ist. Eine Übergangsgestaltung, die sich an fachlichen Kriterien orientiert und den Blick auf das einzelne Kind und seine Familie einschließt, ist gerade für diejenigen unerlässlich, die über geringe Ressourcen verfügen bzw. deren Entwicklungsbedingungen mit Risikofaktoren behaftet sind. Verstärkt wurde die Betonung der Entwicklungsaufgabe für Eltern, Eltern eines Schulkindes zu werden, unter Aspekten der Entwicklung im Erwachsenenalter. Auf einige erprobte Modelle und Konzepte der Übergangsbegleitung wird hingewiesen, ebenso wie auf Bestrebungen, die Kooperation zwischen den Pädagoginnen und Pädagogen in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen weiter zu verbessern. Der Frage, was wir heute über die Anschlussfähigkeit von Bildungsprozessen wissen, wird nachgegangen.

Das Kapitel sieben vertieft wichtige Aspekte der fachlichen Diskussion im Zusammenhang mit der konzeptionellen Fassung von Transitionsforschung und Transitionsgestaltung, wie z.B. zum Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität, von Transition und Resilienz und der Verbindung zur aktuellen Inklusionsdebatte. Das achte Kapitel richtet die Aufmerksamkeit auf das Ende der Grundschulzeit und damit auf den Übergang in die weiterführenden Schulen und die damit anstehenden Schullaufbahnentscheidungen. Wieder wird die Perspektive der Kinder selbst einbezogen. Die Forschungsbasis zu diesem Übergang ist noch relativ schmal. Das in diesem Kapitel dargestellte Anforderungsprofil zum Übergang in die weiterführende Schule könnte anregend für Pädagogen und Pädagoginnen, aber auch für künftige Forschungsarbeiten wirken. Das neunte Kapitel zeigt, wo und wie das IFP-Transitionsmodell inzwischen national und international seinen Niederschlag gefunden hat und verweist auf aktuelle Projekte. Den Abschluss bildet ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Transitionen kommen im Leben eines jeden Menschen, also auch bei pädagogischen Profis, vielfach vor. Da die professionelle Haltung immer auch vom persönlichen Erleben mitbestimmt wird, wurden in jedem Kapitel Anregungen zur Reflexion eingefügt. Das Buch ist weder ein rein wissenschaftliches Werk, noch ein reines Praxisbuch. Ein Anliegen ist es, für frühpädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte an Schulen den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Praxis erkennbar und für die eigene Arbeit nutzbar zu machen. Dies unterstreichen die eingefügten Praxisbeispiele. Das Buch soll aber auch für Eltern lesbar und nutzbar sein, da Übergangsprozesse durch die Kommunikation und Partizipation aller Beteiligten gelingen und Eltern somit eine wichtige Rolle spielen. Nicht zuletzt richtet sich das Buch auch an die Studierenden mit dem Studienziel „Kindheitspädagogin“ oder „Kindheitspädagoge“ ebenso wie an Studierende für das Lehramt.

Wilfried Griebel & Renate Niesel (2011). Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Berlin: Cornelsen Scriptor. 232 Seiten, 19,95 Euro.

Staatsinstitut für Frühpädagogik

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